Godiva`s Nightmare – Garn aus Menschenhaar

(english text below)
Vorsicht – einige werden sich jetzt sicherlich etwas ekeln. Ich habe auch erst etwas gezögert, ob ich diesen Spinnauftrag annehme. Mir fiel dann aber auf, dass es im Grunde kein Argument gegen die Verwendung von sauberen Fasern gibt und dieser Ekel wohl eher kulturell anerzogen ist. Mein Mann reagierte auf meine zuerst abwehrende Reaktion mit dem Spruch „Du verspinnst  Fasern vom Arsch eines Schafes – wo ist das besser/anders als gewaschene Haare eines Menschen?“

Ich erinnerte mich zusätzlich, dass früher (gerade in Europa als besonderes inniges Pfand und Aufmerksamkeit) Schmuck aus Haaren gefertigt wurde. Die Haare stammen von einer lebenden jungen Frau, die sich die langen Haare abschnitt und sie ihrer Freundin für ihr Projekt zum Geschenk machte.

Natürlich bin ich mir dennoch darüber im Klaren, wo der Unterschied ist – bei mir ist er im Kopf. Es ist irrationaler Weise für mich anscheinend ein Unterschied, ob ich Fasern eines Nutztieres verwende oder Fasern vom Kopf eines humanoiden Wesens. Beide atmen, essen, riechen, schmecken, sehen, bluten und empfinden Schmerz wenn man sie sticht. Dabei wurden menschliche Haare und Abfälle auch früher zur Produktion neuer Gegenstände genutzt (zum Beispiel in Gerberein). Vielleicht liegt es daran, dass Haare so etwas intimes und persönliches sind, sie sind Ausdruck der Persönlichkeit, der Schönheit, der sexuellen Vitalität – manchmal sogar Schutz vor Blicken. Selbst wenn man nackt ist, trägt man dieses eine Kleid immer an seinem Leib, auch im Tod.

Besonders irritierend war dieser sanfte Geruch nach Shampoo, der beim Spinnen ab und an an mir vorbei wehte – als ob ein Geist an einem vorbei streicht. Die Haare ließen sich zwar anders, aber nicht unangenehm anfassen und verspinnen.

Gerade weil ich gezögert hatte und aufgrund von bizarren kulturellen Dogmen erst ablehnen wollte, habe ich zum ersten Mal einen Spinnauftrag angenommen und war selbst sehr überrascht, was hierbei heraus kam. Und – so ehrlich muss ich sein – als Spinn-Addict war ich irgendwie auch neugierig darauf, ob und wie es funktioniert. Und das Ergebnis… mh… objektiv schön ist das Garn vielleicht nicht unbedingt, eher ein bizarres und sehr spannendes Artyarn-Kunstobjekt.


Gesponnen als Auftragsarbeit für das Semesterprojekt/Präsentation einer Studentin, die sich mit textilem Recycling von menschlichem Haar beschäftigt.

  • 55 Meter, 42 g
  • Haar einer 21jährigen Frau
  • Verzwirnt mit braunem Polyestergarn

Hiermit wäre also auch die alte Mär wiederlegt, dass sich europäisches Haar nicht verspinnen lässt. Die Haare waren recht lang, als Technik habe ich daher „spinning from the fold“ verwendet. In dieser „V“-Form hat es erstaunlich gut geklappt und es gab keine herausstehenden Haarbüschel.

Da das Haar sehr glatt ist und wahrscheinlich dazu neigt sich wieder etwas zu lösen sobald es Drall verliert, habe ich es gezielt übersponnen (was auch gut so war, das fertige Garn ist recht ausgeglichen) und zusätzlich mir einem Polyesternähfaden verzwirnt, stellenweise habe ich mit diesem Faden auch fragile Stellen „gefixt“.

Eingeweicht habe ich das Garn nach dem Spinnen zum Entspannen jedoch nicht. Die Haare waren sehr kräftig und glatt, das fertige Garn ist gefühlsmäßig eine eigenartige, kaum zu beschreibende Mischung aus weich, stachlig und drahtig.


Attention – some of you might find it disgusting to spin human hair. I hesitated for a while, too. but then I thougt about my reaction (the hair was clean and a present of a girlfriend of the female student) and came to the conclusion, that the nauseation must be cultural acquired. In former times european women/girls used to make special (and very precious) jewellry out of their hair.

  • 55 Meter, 42 g
  • Hair from a 21 years old girl
  • Plyed with brown polyester sewing yarn

Spun as a comissioned work for the semester-project of a student which is about the textile recycling of human hair.

This disproves the theory, that (long) european human hair could not be used for spinning yarn.
I used the technique of „spinning from the fold“. Because of the resultating „V“-Shape of the spun fibers it worked out pretty well. The hair was very smooth, so I overspun it calculated and secured it additionally with the plying yarn.

It is really not ..uhm… beautiful, but it sincerely looks interesting. It feels like a odd mix of wire, softness and something a little bit prickly.


Tagged: Artyarn, Designergarn, garn aus haaren, kann man menschliche haare verspinnen?, kunstprojekt, menschenhaar gesponnen, recycling menschenhaar

Comments: 6

  1. FibrePiratess Januar 16, 2012 at 12:06 am

    Hmm… Seltsam. Ich stell mir das grade auch sehr komisch vor, aber woher diese Ablehnung kommt, weiß ich auch nicht genau.

    Eine Anmerkung hab ich: Mit 21 ist sie kein Mädchen mehr, sondern eine Frau 😉

  2. distelfliege Januar 21, 2012 at 2:45 am

    Loooool – genau das, was Fibrepiratess schrieb, wollte ich auch schreiben! Ich hab den Eintrag in meinem feedreader gelesen und kam erst her, als ich wusste, was ich komentieren wollte. Und dann steht es genau so schon da!

  3. lisa November 5, 2014 at 10:13 pm

    salut — ein sehr interessantes projekt — ich arbeite auch gerade an einem projekt in dem ich menschenhaar verspinnen möchte — wollte fragen ob die haare besonders prepariert werden bevor sie gesponnen werden können!?
    grüsse
    lisl

  4. Be||aDonna November 6, 2014 at 12:36 pm

    @lisa – Das Haar war nur mit Shampoo gewaschen und getrocknet. Im Text beschreibe ich zudem die Spinntechnik. Menschliches Haar ist ja auch sehr verschieden. Ganz feines, weiches, langes Haar würde sich beispielsweise problemlos verspinnen lassen. Diese Haare waren sehr kräftig und drahtig.

  5. Caroline Prange April 28, 2015 at 10:37 am

    Interessanter Bericht! Vielen Dank dafür. Mir fallen im Moment mal wieder Frühjahrsbedingt die Haare vom Kopf (Länge bis kurz unter die Schulterblätter) und da kommt man ja auf solche Ideen. Ich werde es denke ich mal nicht versuchen. Höchstens vielleicht, wenn ich mir die Haare auch mal radikal abschneiden lasse wie deine Versuchsperson 😉 Generell kann ich an dem Nutzen von menschlichen Haaren aber auch nichts verwerfliches finden. Früher haben sich ja auch die Mütter oder Omas die Haare schneiden lassen, damit das Püppchen der Tochter oder Enkelin echte Haare bekommt. Wenn ich drüber nachdenke finde ich tierische Fasern viel bedenklicher. Der Mensch kann sich ja selbst zum Abgeben seiner Haarpracht entscheiden. Beim Tier ist das wohl kaum so…

  6. Icke September 3, 2018 at 9:13 pm

    Wenn man Haare mit Kieselerdepampe behandelt wird die Oberfläche rauer und „entfilzt“ nicht so schnell. 🙂
    Wird gerne bei europäischem Haar gemacht damit Dreadlocks besser halten, und wenn die Haare gut mit Wasser ausgespült werden gibt es auch keine lästigen Rückstände von der Kieselerde.

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